Der allesdichtmachen-Shitstorm

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Arnd Rüger
Waschechter Hamburger Jung. Trotz fortgeschrittenem Alter ein großes Spielkind, welches wahrscheinlich auch im Rentenalter noch die neueste Spielkonsole zu Hause stehen haben wird. Der Bitcoin war ein persönlicher Weckruf (wenn auch spät) für das Thema Finanzen.

Am gestrigen Abend wurde eine Aktion gestartet, die einen bis dato gewaltigen Shitstorm losgetreten hat. Was genau ist da eigentlich passiert?

Eine Vielzahl an bekannten Schauspielern (Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur, Ulrike Folkerts etc.) haben in einer überspitzt ironischen Aktion mit dem Namen #allesdichtmachen Kritik an der Corona-Politik der Bundesregierung und der hiesigen Presse getätigt.

Wer sich die verschiedenen Videos anschaut, vermutet im ersten Moment, dass sämtliche Teilnehmer plötzlich in das Lager der Querdenker übergelaufen sein könnten. Und so ist es kein Wunder, dass es aus genau jener Ecke am späten Abend den größten Applaus gab.

Und wenn es von der einen Seite Applaus gibt, kann man sich mit 100%iger Sicherheit darauf verlassen, dass es aus dem anderen Spektrum ordentlich Schläge gibt.

Schauspielkollege Christian Ulmen, hat die Aktion z.B. mit „Heute bisschen für Kollegen schämen.“  auf Instagram kommentiert.

Generell kann man sagen, fliegt den Machern diese Aktion gerade gewaltig um die Ohren. Sicherlich war ihnen bewusst, dass es starke Reaktionen geben würde, aber die Art und Weise wie heftig diese am Ende ausfällt, dürfte dann aber doch einige überrascht haben. So ist die offizielle Webseite der Aktion inzwischen nicht mehr erreichbar (allesdichtmachen.com) und verlinkt stattdessen auf eine Dokumentation über eine Intensiv-Station, auf der Covid-Patienten behandelt werden.

Die Videos der Schauspieler sind aktuell noch auf YouTube zu finden. Aber auch hier ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar, wie lange das alles noch der Fall sein wird.

Was sollte das eigentlich alles?

So richtig erklärt hat bisher niemand den Hintergrund dieser Aktion. Aber eines hat sie schon deutlich gezeigt. Die Diskussionskultur in diesem Land ist, man möge mir den Ausspruch verzeihen, für den Arsch!

Es ist schlichtweg nicht mehr möglich, kritische Punkte sachlich zu diskutieren, ohne das von irgendeiner Seite gleich eine massive Vorverurteilung stattfindet.

Hier hält #allesdichtmachen sämtlichen Kritikern elegant den Spiegel vors Gesicht.

Ja, man hat das Gefühl, viele vergessen, dass es bei diesem (und vielen anderen Themen) keine einfachen Lösungen gibt.

Corona ist da das beste Beispiel! Man ist entweder ein Covidiot, Querdenker oder rechter Spinner mit Nazigesinnung. Auf der anderen Seite haben wir die Schlafschafe, Merkel-Fanboys, Obrigkeitshörige usw.

Kommt es irgendwem in den Sinn, dass es auch ein dazwischen gibt? Ist man gleich deswegen ein Querdenker, weil man manche Maßnahmen der Regierung hinterfragt? Bin ich ein Schlafschaf, weil ich Masken okay finde, oder ein zukünftiger Bill-Gates-Zombie, sobald ich mich impfen lasse?

Fragt man die jeweiligen Lager, würden es dieses wahrscheinlich deutlich bejahen, leider!

Der durchschnittliche Bürger steht nur noch fassungslos am Rand und hält immer öfter die Schnauze, aus Angst irgendwas Falsches zu sagen, was ihm am Ende eventuell sogar den Job kosten könnte.

Man kann in Deutschland zwar immer noch alles sagen, muss aber eben mit den entsprechenden Konsequenzen rechnen. Und Konsequenzen können heutzutage schon aus einer einzig missverständlichen Aussage heraus passieren!

Wer mich fragt, dem werde ich sagen, dass diese Aktion die verkommene Diskussionskultur in Deutschland aufzeigen sollte und jeder, der jetzt entsprechend heftig reagiert, ist genau durch den Reifen gesprungen, die ihm die Macher hingehalten haben.

Erste Konsequenzen gefordert

Natürlich hat es nicht lange gedauert, bis der erste Politiker seine Chance gewittert hat, das Thema für sich medial auszuschlachten.

So fordert der Garrelt Duin (SPD) bereits, dass man den Schauspielern, die das Privileg haben in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ihr Geld zu verdienen, die Möglichkeit entzieht für diese zu arbeiten. Begründung: Sie üben „undifferenzierte Kritik“ an Medien und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung… unfassbar!

Aber auch die Medien liefern derzeit kein gutes Bild ab.

Wenig verwunderlich, je weiter links das entsprechende Medium steht, desto mehr wird auf die Aktion eingeprügelt.

Die häufigste Kritik ist übrigens die, dass es „Applaus von der falschen Seite“ gibt!

Generell eines der perfekten Totschlagargumente der letzten Jahre. Sobald irgendetwas dem Mainstream nicht gefällt, wird genau so argumentiert.

Wird eine Tatsache nur deswegen falsch, weil sie ebenfalls jemand unterstützt, der im politisch anderen Spektrum beheimatet ist?

Bin ich gleich ein Nazi, wenn ich schreibe „Der Himmel ist blau“ und mir auf Facebook ein strammer Rechtsradikaler dafür ein fettes Like gibt?

Überspitzt?

Ganz sicher nicht, das gab es in abgewandelter Form schon. Wenn alle Stricke reißen, wird genau mit diesen Argumenten der politische Gegner diskreditiert.

Das klappt übrigens auch in meinem Text! Ich bin mir sicher, dass alleine mein Schlagwort „Mainstream“ jetzt jemanden aus dem politisch linken Spektrum getriggert hat und ich muss sagen, genau das macht mich traurig.

Das leidige Thema Framing

Als vor 2 Jahren das Framing-Papier der ARD die Runde machte, waren viele entsetzt und konnten kaum glauben, dass eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt so etwas in Auftrag gegeben hat. Seitdem sind die Menschen deutlich sensibler bezüglich der Inhalte von ARD und ZDF.

Man darf nicht vergessen, dass mit #allesdichtmachen auch dieser Aspekt wieder eine Rolle spielt.

Die Menschen sollen sich eben wieder an Framing erinnern und nicht alles blind schlucken, was ihnen von dieser Seite präsentiert wird.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass wir von einem Staatsfunk gelenkt werden!

Es gibt viele Mitarbeiter in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die ihren Auftrag ernst nehmen und versuchen, ausgewogen zu berichten. Trotzdem gibt es Sendungen, die eindeutig mit einer politischen Agenda daherkommen, und sich auch gar nicht bemühen es zu verheimlichen.

Es gibt aber auch Unterhaltungsformate, wie z.B. den beliebten Tatort, der mehr als nur einmal versucht hat, Zuschauer in eine gewünschte politische Richtung zu lenken. Der Eindruck, dem „betreutem Denken“ ausgesetzt zu werden, kommt da schnell auf.

Genau das aber muss aufhören!

Die Zuschauer haben ein Recht darauf, eine ausgewogene Berichterstattung zu erhalten. Diese muss kritisch hinterfragen und im Idealfall eben auch beiden politischen Lager in schöner Regelmäßigkeit auf die Füße treten.

 

Was ich mir wünsche

Ich bin mir sicher, dass #allesdichtmachen wie eine gewaltige Tsunami-Welle über uns hereinbricht, aber wahrscheinlich auch ebenso schnell wieder abflacht. Das haben solche Shitstorms in der Regel an sich.

Trotzdem hoffe ich, dass jede politische Seite und vor allem jeder von uns noch einmal tief in sich gehen wird und reflektiert, was da genau passiert ist.

Manchmal Bedarf es solcher Aktionen, damit wir alle uns mal wieder hinterfragen, warum wir eine so vergiftete Diskussionskultur in Deutschland überhaupt haben. Wir sollten in Zukunft mehr lernen, dem anderen zuzuhören und vor allem, seine Meinung auch auszuhalten.

Nur wenn wir dazu in der Lage sind, wieder offen miteinander zu sprechen, ohne das Gegenüber gesellschaftlich vernichten zu wollen, kann sich in diesem Land etwas ändern.

Die Alternative wäre eine wütende schweigende Mehrheit, die die Faust in der Tasche ballt. Und so etwas war in der Geschichte noch nie gut. Denn diese hat gezeigt, irgendwann holt diese Mehrheit die Faust aus der Tasche heraus… und das möchte ich zumindest nicht erleben!

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